Weltpremiere – The New Wild: Life in the Abandoned Lands

Eine Zusammenfassung des Abends aus der Feder meines grundlegenden Lehrers:

Was für ein grandioser Film – genau so und nicht anders stelle ich mir Naturfilme vor, ohne heischende Pathetik und Synthesizerpomp, ein Film zum Sich-ihm-Hingeben, zum Sich-in-ihn-Versenken, eine statische Kamera und lange Einstellungen, die Raum gaben zum Atmen, Hören, Schauen, An- und Weiterdenken. Gerade im Unspektakulären lag das Spektakuläre!
Allerherzlichsten Glückwunsch zu dieser mehr als nur geglückten Co-Produzententätigkeit, zu deiner feinsinnigen und umsichtigen Untertitelung und zur gekonnten, lockeren und souveränen Moderation danach!
Herzlichst
Georg Payr, Innsbruck

Danke, lieber Georg!

Unter dem Saalfüllenden Publikum waren 140 handverlesene Gäste, nebst vielen alten guten Freunden auch manche mit derartigen Funktionen und Ämter, dass ich der Meinung war, sie hätten sich für unser Thema und damit für unseren Film gefälligst zu interessieren. Unter ihnen beispielsweise Toni Innauer, Ingrid Hayek, Markus Schermer, Johann Stötter, Roland Psenner, Harald Pechlaner, Robert Renzler, Manfred Riedl, Sigbert Riccabona, Sara Matt-Leubner, Uwe Steger, Ernst Steinicke, Igor Jelen, Helmut Ohnmacht, Uschi Schwarzl …

Eine gute Stunde vor dem Premierenstart begann sich das Foyer zu füllen und wir waren bereits genau so ausverkauft, wie die Nerven des Regisseurs und alleinigen Machers des Filmes, Christopher Thomson.

Ich hätte, wenn ich noch Herr meiner selbst gewesen wäre, eine fast erdentrückte Stimmung aufsaugen können: Noch nie war Spannung so sicht- und hörbar. Erst recht nicht, wenn über 200 Menschen im Foyer des Leokino derart mitfiebernd, zurückhaltend und präsent zugleich sind. Es war ausverkauft, unser Film war erstmals in einem Kino zu sehen – auch für Chris und mich – und es war mucksmäuschen still. Von vom Filmbeginn an. Als wären nur Profis im Publikum, als wären alle mit dem Film oder mit Christopher und mir Verbunden. Der Applaus – als erstes mitgebrachtes Geräusch – brauste erst am Ende des langen Abspanns auf. Erlösend. Sehr schön.

Dank des Organisationskommittees des Innsbruck Natur Film Festivals durften wir direkt im Anschluss an die Welturaufführung unseres Filmes eine Stunde anhängen, welche die Symbiose von Kunst und Wissenschaft, wohl auch im Sinne einer Gesellschaftskritik, zelebrierte, wie selten noch.

Danach trat ein extrem sympatischer, witziger, hintergründiger Regisseur die Bühne, unterstrich so die Ernsthaftigkeit des Filmes und förderte die Idnetifikation des Publikums mit dem Film durch seine gleichwohl herzlich erfrischende, wie reflektierte Art seines Auftritts.

Danach betrat ich zitternd, und doch irgendwie geerdet vom Filmgenuss, sowie von dem Sack voll Erdäpfeln, den ich zwei Minuten vor dem Filmstart direkt vom Bauern aus Dordolla übermittelt bekommen hatte, die Bretter, von denen es nun keinen Ausweg mehr gab, um unter anderem folgendes loszuwerden:

The New Wild feiert seine Weltpremiere beim Innsbruck Nature Film Festival, in seiner zweiten Heimat, vor so großem Publikum! Unser Hauptsponsor, die Uni Innsbruck ist vertreten, 2 weitere Sponsoren, der Alpenverein und die EURAC Bozen sind überhaupt mit der Chefetage angerückt! Ich freue mich aber auch, dass die Alpenkonvention und die Cipra Interesse zeigen, und ganz besonders, dass die Landesentwicklung und die Raumplanung Tirol da sind!

… Also: Es gibt Verbindungen zwischen dem Film und der Uni Innsbruck, speziell mit dem Institut für Geographie:
Unsere Forschungsgruppe, demographic change in the alps, untersucht genau solche Regionen, wie sie uns der Film zeigt.

… Wir reden von Tälern, die über 100 Jahre Abwanderung hinter sich haben. Sie sind ein komplett anderer Lebensraum, wie wir ihn vom Rest des modernen Europas kennen. Sie zeigen kaum Industrialisierung, auch keine Agrarindustrie, keinen Massentourismus und kaum positive Auswirkungen der Globalisierung.

Die wenigsten Menschen wissen, dass es solche Regionen überhaupt gibt. Noch weniger wissen, wies dort ausschaut und welche Fragen sich dort stellen.
Es gibt mindestens 100 Täler in den Alpen, wo der Dauersiedlungsraum und seine Kulturlandschaft derart in Frage stehen.

Aber es gibt noch viel mehr, die in diese Richtung unterwegs sind. Wir reden jedenfalls von einem nennenswert großen Teil der Alpen.
The New Wild ist für mich die tiefgründigste und treffendste Beschreibung unserer Untersuchungsgebiete, die ich mir vorstellen kann. Dass wir solche Regionen endlich quasi herzeigen können, ist extrem wertvoll. Und der hohe ästhetische Anspruch hat Symbolcharakter. Ich finde, dass solche Regionen auch nur qualitativ hochwertig diskutiert werden sollten!

… Genau das beforschen wir: Wir suchen und finden neue Zuwanderung in solchen traditionellen Abwanderungsgebieten. Wir schauen uns an, was passiert, wenn Menschen von Außerhalb in derart abgelegene Regionen zuwandern. Wir nennen sie Amenity Migranten oder New Highlander. Und wir finden sie in vielen Alpentälern, im gesamten Alpenbogen, von Frankreich bis Slowenien, spätestens etwa seit der Jahrtausendwende.

… Natürlich nutzen sie auch die noch verbliebene Kulturlandschaft. Wie und wie sehr, wäre ein absolut entscheidender Punkt – leider fehlen unserer Arbeitsgruppe nomentan die Mittel, diesen Punkt genauer zu erforschen.

Apropos Forschung: Detaillierter kann ich hier seriöser Weise nicht darüber berichten. Komplexe Themen brauchen mehr Raum. Christopher und ich bieten aber an, den Film im Rahmen z.B. bei Tagungen zu zeigen und anschließend bei Diskussionen und Workshops dabei zu sein. Wer dies möchte, soll dem Koproduzenten Bescheid geben.

Apropos Koproduzent: Ich persönlich bearbeite seit Jahren auch selbst und ständig diese Themen weiter. Es geht mir darum, unsere Erkenntnisse aus der Uni hinaus, in die Gesellschaft hinein zu tragen. Christopher war der erste, der dieses Engagement nutzen wollte. Im Gegenzug dazu, hat er mich offiziell zum Koproduzenten geadelt.

Über die bloße Informierung der Gesellschaft hinaus wäre es aber auch möglich, mit unseren Erkenntnissen direkten Nutzen zu stiften. In unserem Fall für den kompletten ländlichen Raum.
Man kann ihn nämlich nicht nur urbanisieren, was üblicher Weise versucht wird.

Man könnte ihn auch als das nutzen, was er ist. Dazu wäre aber eine Neubewertung gewisser Lebensräume notwendig. Meist wird nur nach der Wettbewerbstauglichkeit gefragt. Je untauglicher, umso mehr könnte man hergehen und fragen: Wie hoch ist dort eigentlich die Lebensqualität? Wo sind die brachliegenden Potentiale und Ressourcen? Vielleicht auch im Hinblick auf die fortschreitende Digitalisierung.

Welche Art von Lebenskonzepten sind dort möglich, die vielleicht in unseren Ballungsräumen keinen Platz haben? Was könnten das für Konzepte sein? Was machen diese Lebenskonzepte mit den Menschen, was mit ihrer neuen Umgebung? Was können wir daraus lernen?
Ihren logischen, quasi natürlichen Zugang zu den regionalen Synergien halte ich für zukunftstauglich. Sie nutzen, was da ist, anstatt unbedingt neu zu betonieren oder viel Geld zu investieren.

Für solche Herangehensweisen bieten Leerstand und Brache natürlich großen Gestaltungsspielraum. Spielraum, für innovative Lebenskonzepte. Jetzt noch. So lange, bis sich Brache in Wüstung verwandelt. – oder in The New Wild, wie wir Engländer sagen.

Jetzt aber endlich die Frage, die ich angekündigt habe, die ich für entscheidend halte. Eine Frage, die man als Wissenschafter vielleicht stellen darf, die aber ein einzelner nicht beantworten kann. Dürrenmatt sagt in den 12 Thesen zu seinen Physikern: Was alle angeht, können nur alle lösen.

Gehen uns diese Regionen etwas an? Ganz in unsrer in der Nähe, zwischen den hoch entwickelten Tälern, in denen wir wohnen, wirtschaften oder urlauben. Sind sie nur interessant für einen Film oder als exotisches Forschungsobjekt? Oder sind sie gar gesellschaftlich wertvoll? Jetzt schon oder erst in Zukunft? Diese Frage stelle ich nun unseren Gästen!

Nur eines, als Abschluss, sei als evident postuliert: Wenn diese Täler nicht mehr als Siedlungsraum genutzt werden, können wir sie bald weder besuchen, noch sonst irgendwie nutzen. Dann können wir die Idee solcher innovativen Rückzugsräume mitten in Europa vergessen – und auch nichts mehr von ihnen lernen.

So, nach The New Wild von Christopher Thomson und meiner kleinen Einführung gebe ich die Diskussion nun frei und bedanke mich für eure Aufmerksamkeit!

Podium: Toni Innauer – Ingrid Hayek – Markus Schermer – Christopher Thomson – und Michael Beismann

Wortmeldungen aus dem Publikum:
Sigbert Riccabona – Manfred Rield Landesentwicklung und Zukunftsstrategie – Roland Psenner Eurac – Sara Matt-Leubner Transferstelle der Uni Innsbruck

Nach den zahlreichen, überwiegend erfrischend, allesamt unsere Arbeit und Christophers Film geradezu hymnisch lobenden Wortmeldungen wurden wir alle – nach gut zweieinhalb Stunden in die allseits verdiente Premierenfeier im Foyer des Leokino entlassen, für die, wen wunderts bei derartigem Aufgebot, die übliche Sperrstunde stundenweise nach hinten-oben verschoben wurde.

Fotos: Janick Entremont, Stills: Christopher Thomson

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Wer an unserem Film, einer Vorführung desselben, unserer bisherigen Arbeit, einer Exkursion nach Dordolla und die Filmumgebung interessiert ist, oder gar das neue, gemeinsame Projekt von Christopher Thomson und mir unterstützen will, melde sich ganz zwanglos bei mir, beismann@regionalSynergie.com oder bei Christopher mail@christopherthomson.net

Die ersten Rückmeldungen:

Univ.-Prof. Mag. Dr. Kurt Scharr
Professor für Österreichische Geschichte, Institut für Geschichtswissenschaften & Europ. Ethnologie,
Leopold-Franzens Universität Innsbruck
übermittelte mir noch in der Premierennacht folgenden Satz:

„Lieber Michael, euch wirklich aufrichtige Gratulation zur Verwirklichung und gelungenen Umsetzung dieses Projektes! Ich habe den Film und die Diskussion vollauf genossen, genau richtig dosiert. Toll! Grüße in den Abend – Kurt“, bevor er wenige Tage später konkreter wurde, und mir schrieb:

„Die Bilder des Filmes strahlen eine angenehme Ruhe aus, und doch ist es der Text – der zugleich aus ihnen fließt – und zutiefst aufwühlt. Geradezu nüchtern, abseits jeder Romantisierung oder Verklärung wird die Frage nach den wachsenden Unterschieden zwischen städtischem und ländlichem Raum gestellt. Die sorgfältig beobachtete und kommentierte Gegenwart wird, soweit nötig, in der Vergangenheit verankert. Sie erhält damit eine glaubwürdige Perspektive. Die überaus gelungene Einheit von Bild, Text und Ton will dabei keine fertigen Antworten liefern; Im Gegenteil, in der Darstellung des Ortes Dordolla zeigt die gewählte künstlerische Form des Films Möglichkeiten auf, die uns nachdenken lassen; nachdenken über die eigene Gesellschaft und ihre Zukunft; vielleicht einer Zukunft, der es gelingt, den Abstand zwischen Zentrum und Peripherie, wie er sich in vielen Tälern der Alpen heute auftut, allmählich wieder zu verringern oder gar zu überwinden.“

Danke sehr für beide Wortmeldungen, lieber Kurt!

Der Präsident der Eurac, ehemaliger Vizerektor der Universität Innsbruck, Prof. Roland Psenner, findet:

Lieber Michael, der Dokumentarfilm von Christopher Thomson berührt durch seine ruhige, beinah statische Kameraführung, durch eine ungewöhnliche Hintergrundmusik und vor allem durch die Bilder, in denen Natur und Kultur ineinander übergehen. Dass er etwas ausgelöst hat, zeigten die Diskussionen unmittelbar nach der Vorstellung im Leokino und die anschließenden Gespräche. Eurac Research – Harald Pechlaner und Anja Marcher waren ebenfalls anwesend – befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema Entvölkerung von Berggebieten und Rückbau, aber auch mit Tourismus und Rückkehr in verlassene Gebiete. Es war eine gute Entscheidung, dass die Eurac zur Entstehung dieses Films beitragen konnte und ich sehe dieses Ereignis als Anlass für zukünftige gemeinsame Projekte.“

Danke lieber Roland für diese erste Reaktion aus der Chefetage!